Tag 1: Plötzlich wieder Wohngemeinschaft

Vor einigen Wochen sagte mein Mann zu mir: „Ich würde am liebsten losfahren und die Flüchtlinge aus Ungarn holen und hierher fahren.“ Ich habe ihn etwas irritiert angeguckt und gefragt: „Wen?“ Nun ja – ich habe zwei kleine Kinder, einen schwer beschäftigten Mann, einen mittelgroßen Haushalt und einen Job, den ich auch zu 100 % lebe. Ich bekomme aktuell wenig mit.

Ich hatte dann ein déjà vu. Es gab schon einmal viele Menschen, die der Meinung waren, sie hätten nichts von „all dem Geschehen“ mitbekommen. Ok, man kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, aber mir wurde bewusst, dass die Bilder in der Tagesschau nicht an mir vorbeirauschen sollten. Arbeit und Kinder sind irgendwie keine dauerhafte Entschuldigung.

Ich habe das Geschehen in Syrien über die Jahre hinweg zufällig im Fernsehen verfolgt, aber … Syrien ist sehr weit weg. Ja, wir haben uns einige podcasts zum Thema Flüchtlinge angeschaut und uns dabei stets gefragt, was wir wohl leisten könnten. Denn die Schicksale berühren mich aus menschlicher Sicht. Aber ich kann nicht mal eben zwei Wochen als Freiwillige auf einem Rettungsboot vor Lampedusa arbeiten oder mit zwei Kindern Flüchtlingshilfe-Urlaub am Gummibootstrand von Lesbos oder Kos verbringen.

Hier zwei sehr gute Beiträge:

„Sea Watch“

„Lesbos“

Also habe ich auf oldenburg.de nach Flüchtlingsheimen gesucht und per Email bei den Kollegen um Sachspenden gebeten. Ich war mit Anfang 20 in der Flüchtlingshilfe in Bremen aktiv. Aber die Tätigkeiten waren ehrenamtlich und irgendwann sind meine Aktivitäten zugunsten meines Jobs und der Familie eingeschlafen.

Mich erreichte dann die Email einer Kollegin und der betriebsinternen Gruppe „Wir helfen“. Ich erhielt eine Einladung zur Übergabe der Sachspenden im Flüchtlingsheim „Stubbenweg“ in Oldenburg am Freitag den 30.10.15. Mit Kirschkuchen im Gepäck fuhr ich dorthin.

Das Flüchtlingsheim im Stubbenweg ist ein alter MIOS Supermarkt. Ich folgte den Kollegen und lief an Leuten vorbei, die Räume aus (ich vermute) OSB Platten zimmerten. Im MIOS ist ein großer Essensraum. Dort gab es dann Kaffee, Tee, Kuchen und eine Menge Leute. Ich habe mich umgeschaut und sah andere Kolleginnen bei einer muslimischen Frau sitzen. Ich habe mich dazu gesetzt und wir kamen ins Gespräch. Ihr Name ist Waad. Sie ist aus Syrien, ihr Mann ist in diesem Moment nicht hier, sie ist im 8. Monat schwanger. Wir unterhalten uns auf Englisch und ich gebe ihr meine Telefonnummer und sage ihr, dass sie mich anrufen kann, sofern sie etwas für ihr Baby benötigen sollte. Irgendwie wollen wir dann alle nach Hause, aber wir fragen sie, ob sie uns zeigen kann, wo sie schläft. Sie sagt ja und bringt uns zu einem mit Folie abgehängten Metallbauzaun. Dahinter schläft sie auf einer Europalette mit ihrem Mann und 6 anderen Personen. Da habe ich geweint.

Ich bin dann nach Hause gefahren und hatte Bilder im Kopf   – vom MIOS, den Europlatten, den Matratzen, dem tristen eingezäunten Parkplatz drum herum, den gefühlt ganz wenigen Frauen und Kindern unter vielen Männern. Ich hatte ein beklemmendes Gefühl, denn ich weiß, wie es ist, schwanger zu sein und wie unsicher man sich fühlen kann, wenn man sein erstes Baby bekommt.

Auf dem Nachhauseweg habe ich meinen Mann angerufen und gesagt: „Du, jetzt haben wir die Chance, gute Menschen zu sein.“

Zuhause angekommen hörte mein Mann meiner „Berichterstattung“ zu und sagte recht schlicht „Ok, ich kann das Arbeitszimmer nach oben umbauen. Ich muß nur gucken ob das W-lan oben funktioniert.“ Joa, Hauptsache W-Lan geht ;o) Ich habe noch am selben Abend das DRK im Stubbenweg angerufen und gefragt, ob wir das Paar aufnehmen können.

Am Samstag bin ich nach Omi´s 87. Geburtstag mit den Kindern (mein Mann war leider verhindert) in den Stubbenweg gefahren. Meine Kinder fanden es dort sehr aufregend und Laura fragte gleich, ob wir hier schlafen könnten.

Jonna (2) spielte dann fleißig mit einem Syrer Tischtennis und Laura (5) suchte sich Fußballfreunde.

pltzlich_wieder

Selbstverständlich wurden Waad und Hisham auch gefragt, ob sie überhaupt bei uns wohnen wollen. Sie sagten nicht nein.

Sowohl Sonntag- als auch Montagabend versuchte ich vergeblich, die beiden abzuholen. Jedes Mal kreuzten unerwartete Termine (Registrierung usw.) unsere Pläne. So hatten wir noch etwas mehr Zeit, die Zimmer umzuräumen und nett herzurichten. Nebenbei konnte ich auch andere wichtige Fragen z.B. zur ärztlichen Versorgung von Waad usw. mit dem DRK klären. Am Dienstagabend war es dann soweit – mit einem normalen und einem kleinen Koffer im Auto fuhren wir gemeinsam nach Hause.

Ich nahm extra die Abfahrt Kreyenbrück, um über die Cloppenburgerstr. nach Sandkrug zu fahren. Ich hatte Sorge, sie würden ansonsten denken, dass wir irgendwo im nirgendwo wohnen. Ein bischen wie im Sightseeing Bus erklärte ich dann auf Englisch: Hier rechts ist das Mangal, ein gutes türkisches Restaurant. Dann hier links ist das Krankenhaus, hier rechts dein Arzt und hier links meine Arbeit.

Und nach ca. 3 km: Und hier sind wir zuhause. Ein großes Haus am Acker ohne Straßenlaternen, aber mit Lichterketten in der Hecke und zwei lustigen Mondlaternen im Dachgiebel. Unsere Nachbarn pflegen zu sagen: Dunkel wie im Bärenpopo.

Laura und Jonna empfingen unsere Gäste mit herzlichem Geschrei und begleiteten die beiden in ihr mit Musik untermaltes Zimmer und einer Reihe an elektrischen stimmungsvoll flackernden Teelichtern. Im Zimmer befinden sich nun ein Doppelbett, ein Babybett, zwei Schränke, ein Wickeltisch, ein Schreibtisch mit zwei Stühlen, fröhliche Wandsticker und jeder Menge Babyzeugs. Alles in allem sieht es ganz nett aus.

zimmer

Die beiden konnten erst einmal verschnaufen, gesellten sich aber sehr zeitnah wieder zu uns. Wir zeigten Ihnen dann das Haus und erklärten alle E-Geräte. Der Kühlschrank im HWR ist ab nun schweinefleischfreie Zone. Wir machten Ihnen von vorn herein unmissverständlich klar: Wir sind nun eine Wohngemeinschaft. Ihr könnt alles nutzen und überall reingucken. Feel free!

Wir saßen dann noch lange zusammen und unterhielten uns über die Situation in Syrien und über die Flucht. Sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass wir über die Situation in Syrien detailliert Bescheid wissen. Meine spezifischen Nachfragen irritierten sie. Wie können Menschen aus dem Westen diese Geschehen in Syrien nicht ganz genau kennen?

„Bürgerkrieg in Syrien“

Die beiden stammen aus Hommes in Syrien. Sie flohen vor Assad durch mehrere Städte Syriens in die Türkei. Hishams Familie lebt nun teilweise im Libanon, in Kuwait und ein Bruder ist in Stuttgart gelandet. Seine Eltern hat er seit über 3 Jahren nicht mehr gesehen. Waads Familie lebt teilweise noch in Syrien auf dem Land und in der Türkei.

Für Hisham und Waad ging es von der Türkei auf einem Boot nach Rhodos.

„24-Stunden Flüchtlingskrise“

An die Schlepper haben sie 2.000 € je Person zahlen müssen. Die Familien haben das Geld gemeinsam gespart. 4.000 € sind sehr sehr viel Geld. Daher können nur wenige Personen „reisen“. Oft eben junge Männer, die noch keine Familie haben. Die Familien verkaufen ihr Hab und Gut, um den Kindern die Reise zu ermöglichen. Sie schicken auch Minderjährige, um sie zu schützen.

Kürzlich sah ich eine Reportage über jüdische Kinder, die auch alleine von Deutschland nach England in Pflegefamilien geschickt wurden, um sie vor den Nazis zu schützen. Die jüdischen Eltern durften nicht mehr ausreisen und setzen alles in Bewegung, um wenigstens ihre Kinder vor dem Tod zu schützen. Eine Flucht war häufig zu riskant. Obendrein machten viele Länder ihre Grenzen zu.

Ich habe noch von keiner Familie gehört, die syrische Kinder aufgenommen hätte.

„Tomsy letzte Reise“

Ihre Schwimmwesten und ihr Gepäck durften Waad und Hisham nicht mit aufs Boot nehmen. Im Nachhinein erfuhren Sie, dass ihre Schwimmwesten von den Schleppern wiederverkauft wurden. An die nächsten Flüchtlinge, die die Westen dann wiederum auch nicht mit aufs Boot nehmen durften. Auf dem Boot sind 82 Personen.

Macht also 82 * 2.000 € = 164.000 €

plus 82 * 50 € je Schwimmweste = 4.100 €.

Waad erzählt, dass es am Strand kein Zurück mehr gab. Sie kann nicht schwimmen und ist bereits im 8. Monat schwanger. Sie sagte: If you don´t go on the boat, they`ll kill you. If the boat turns over, you`ll die. Some arrive, some not (Schulterzucken).

Sie wurden 200 Meter vor dem Strand aus dem Boot gelassen. Sie mussten zum Strand durch das brusthohe Wasser waten. Komplett nass am Strand angekommen wartete niemand auf sie. Nach mehreren Stunden kamen Flüchtlingshelfer. Die Griechen ließen sie nach Athen bringen. Vor dort aus ging es mit Bahn und Bus bis nach Österreich. Waad erzählt, dass sie mehrere Stunden nur stehen konnten und weder Wasser noch Essen hatten. Von Österreich ging es nach Deutschland / München. In München wurden sie in einen Bus nach Oldenburg gesetzt. Sie waren insgesamt von der Türkei bis nach Deutschland 11 Tage unterwegs. Wie ihnen geht es vielen anderen Menschen.

„Ein Moment der bleibt“

Dies ist mein erster Bericht. Ich schreibe sukzessive weiter. Es ist und bleibt spannend! Denn mittlerweile sind sie zu dritt ;o)

Über ploetzlichwiederwohngemeinschaft

Mama von zwei süßen Mädels

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