Tag 2: Es läuft …

Wad und Hesham sind nun bei uns eingezogen. Ich fühle mich ein wenig in meine alten Studienzeiten zurückversetzt – damals habe ich mit mehreren arabischen Kommilitonen im Studentenwohnheim gewohnt und z.B. gerne mit ihnen gekocht.

Waad spricht Englisch, daher können wir gut miteinander kommunizieren. Hesham hat wohl irgendwann einmal Englischgrundkenntnisse gelernt, spricht aber nicht. Daher übersetzt Waad grundsätzlich für ihn. Die beiden sind kommunikativ und sehr nett. Wie normale Mitbewohner „suchen“ sie sich durch unseren Haushalt. Das beruhigt mich sehr, denn so habe ich weniger Arbeit und muss nicht erklären, wo alles steht. Durch eine afghanische Kindergarten-Mutti habe ich erfahren, dass sich die Migranten in Sandkrug jeden Freitag Nachmittag in der evangelischen Kirche treffen. Das klingt super und ich nehme die beiden gleich am ersten Freitag mit in die Kirche. Erfreulicherweise sind dort tatsächlich ca. 15 Syrerinnen und Syrer und Waad und Hesham finden direkt Anschluss. Perfekt. Nach dem Treffen fahren wir auch gleich zum Supermarkt 11 Länder an der Cloppenburger Str. in Oldenburg. Seither wird bei uns zuhause nur noch arabisch gekocht. Und das ist sehr lecker ;o)

Unsere Nachbarn sind von unserer Spontanaktion sehr angetan. Gleich am nächsten Tag stehen ein Kinderwagen, eine Autobabyschale, ein Fahrrad und ein selbstgebackenes Brot vor unserer Haustür. Hierfür war die „Sonntagsfamilie“ zu unserer Rechten verantwortlich.

sonntagsfamilie_

Die Familie zu unserer Linken vermittelt uns die Freundin ihrer erwachsenen Tochter Nele ins Haus. Jamila ist in Deutschland aufgewachsen und spricht fließend Arabisch. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater ist Libanese. Sie ist nun unser vierter Hausgast und wie ein neues Familienmitglied. Wir mögen sie alle sehr, denn sie ist sehr hilfsbereit und total lustig!

Als erstes telefoniere ich mit meiner ehemaligen Hebamme Edith Leidenroth. Edith antwortet mir mit „Liebe Sandra, ich habe euch in guter Erinnerung und für Menschen aus Syrien habe ich immer Zeit“. Super, das ist die halbe Miete! Edith ist eine sehr gute Hebamme mit drei Jahren Auslandserfahrung in Afrika. Alina, eine ehrenamtliche Studentin aus dem Stubbenweg, fährt Waad und Hisham weiterhin regelmäßig vormittags zur Frauenärztin. Hier werden Waad und ihr Baby erstmalig gründlich nach deutschen Standards untersucht. Einen Termin zur Anmeldung von Waad im Klinikum Kreyenbrück habe ich auch schon erhalten. Da Jamila an diesem Tag keine Zeit zum Übersetzen hat, frage ich kurzerhand die Damen im Real Kreyenbrück im Spezialitätenshop. Siehe da, die meisten sprechen Arabisch und eine liebe irakische Frau ist sofort bereit, uns zu begleiten. Perfekt!

Als nächstes frage ich meine Kollegen um Spenden. Seither kann ich theoretisch eine eigene Kleiderkammer aufmachen! Vielen vielen herzlichen Dank für all die tollen Sachspenden! Mutter, Vater und Kind sind nun perfekt für den Winter, die Mutterschaft und die Babyzeit ausgestattet.

DANKESCHÖN auch im Namen von Waad und Hesham!

Restliche Dinge wie ein Stillbett, einen Stubenwagen und eine Babywanne kaufe ich über die Ebay Kleinanzeigen. Die Familien geben mir alle einen Preisnachlass, nachdem ich erzähle, wofür und für wen ich die Sachen benötige.

Binnen von ca. 2 Wochen haben wir alles beisammen was Waad, Hesham und das Baby benötigen. Nun ist warten angesagt. Hesham widmet sich den Bergen von Laub in unserem Garten und Waad beginnt zu waschen. Und wir haben viel Wäsche! Nebenbei wird von beiden sehr fleißig und lecker gekocht. Ich muss sagen, dass ich mich darauf dauerhaft einstellen könnte, denn Kochen ist nicht unbedingt meine Leidenschaft. Sie erzählen mir, dass eigentlich jedes Kind in Syrien von den Eltern das Kochen lernt. Tja, der Kelch ist leider an mir und Karsten vorbeigegangen. Blöd. Ich werde sie bitten, mir ihre Rezepte aufzuschreiben und uns bloß nicht mit diesem Geheimwissen zu verlassen. Vielleicht machen wir ja ein Kochbuch mit arabischen Rezepten …

es_läuft_

Dafür sollten sie allerdings Deutsch sprechen können. Also versuche ich ihnen einen Deutschkurs zu organisieren. Der erste Anlauf bei der VHS in Sandkrug missglückt. Der Kurs ist voll und schon am Laufen. Durch Zufall erfahre ich von einem Kurs in Oldenburg bei der Sprachschule. Wir melden sie an und bekommen zwei Restplätze – juhu! Die kostenlose Kursteilnahme für Menschen mit einer BÜMA (Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender) beinhaltet auch das kostenlose Busfahren zum Kurs – super – noch ein Problem weniger.

An einem Samstag Nachmittag fahren wir alle Bus. Wir erklären ihnen, wie sie zum Heim kommen und wie man Tickets kauft. Karsten und ich verpassen dann auch prompt die Haltestelle, weil wir alles quatschen. Wad meint nur, sie sei von Syrien bis nach Deutschland gelaufen. Den kleinen Umweg würde sie jetzt auch noch schaffen ;o)

Ich weiß nicht warum, aber eines Tages spreche ich einen pensionierten Kollegen im Büro an und frage ihn, ob er sich mit Fernsehen und SAT Anlagen auskennt. Als er mich nach dem Grund fragt antworte ich ihm, dass ich gerne arabisches TV hätte. VOLLTREFFER! Er und seine Frau sind in Sandkrug stark in der Flüchtlingshilfe engagiert und schicken mir ein Word Dokument mit ca. 30 Ansprechpartnern zu verschiedenen Bereichen, die Flüchtlinge tangieren. Was soll ich sagen – es läuft einfach!

Zwischenzeitlich findet dann doch noch ein Deutschkurswechsel nach Sandkrug statt. Der Kurs in Sandkrug ist schlichtweg näher und bietet auch eine Kinderbetreuung. Allerdings hat diese ganze Deutschkursthematik mafiöse Grundzüge. Die Sprachschule unterstellt der VHS Abwerbung und teilt mir mit, dass sie Waad und Hesham dennoch abrechnen werden, obwohl sie nicht am Kurs teilnehmen werden. Denn zum Abrechnen mit der Agentur für Arbeit würde schlichtweg die erste geleistete Unterschrift der beiden ausreichen. O-Ton: „Das doppelte Abrechnen merkt doch keiner bei all dem Chaos.“ Alle Erklärungsversuche scheitern, die Dame ist komplett uneinsichtig. Ich verweise auf fehlende AGB´s usw. und erkläre, dass die beiden überhaupt nicht wussten, dass sie nicht zurücktreten oder wechseln können. Ich melde die beiden dennoch offiziell ab und lasse es drauf ankommen. Man bestätigt mir das gängige Abwerbungsverfahren von anderen Sprachschulen. Die Asylbewerber vom Landkreis werden mit Bustickets nach Oldenburg zum Einkaufen und zum Moscheebesuch gelockt und unterschreiben die Teilnahme an den Kursen schon vor einer Kursexistenz. WOW. Sehr sozial.

Unser WG Alltag läuft sehr normal ab. Karsten und ich arbeiten, zu 16.00 hole ich die Kinder ab und fahre zum Kindersport, Ballett, zur Logopädie oder zum Schwimmen. Danach geht’s nach Hause, abends gibt´s lecker arabisches Abendbrot. Dann bringe ich die Kinder ins Bett und mache das, was andere Muttis abends auch so tun – Nägel lackieren, Wäsche waschen, aufräumen, putzen, Papiere machen, parallel Voice of Germany gucken. Mit dem Mann telefonieren. Waad und Hesham machen auch Wäsche und gucken mit. Wir gucken aber auch gerne mal Al Jazeera oder einen Podcast. Oder Wall-e – der Film kommt ohne Sprache aus ;o) Dazu gibt´s Tee. Am Wochenende reden wir auch schon mal länger über alles Mögliche, was uns so interessiert. Klingt eher unspannend, oder ;o)?

Eines habe ich vergessen. Waad kann ziemlich gut illustrieren. Meine Kinder malen sehr gerne und haben ein Miniatelier im Esszimmer. Da hat sie eines Tages mitgemalt. Ich war sehr überrascht und habe ihr eine von mir erfundene Kindergeschichte erzählt, die sie dann binnen einer Woche illustrierte. Nun ja, was soll ich sagen – wir werden wohl ein Buch oder auch mehr zusammen machen!

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Über ploetzlichwiederwohngemeinschaft

Mama von zwei süßen Mädels

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