Tag 3: Behördenkram und Desillusionierung

Der errechnete Geburtstermin 12.12.15 rückt immer näher. Als zweifache Muddi weiß ich, dass man bei einer Geburt zwei Dinge hat: Wehen und Papierkram. Da Wehen häufig grenzwertig sind, sollte man den Papierkram vorher erledigt haben. Um die Geburt beim Standesamt anzeigen zu können, benötigt man seine Abstammungsurkunden und sofern man verheiratet ist eben auch die Urkunde über die Eheschließung. Wofür benötigt man eine Geburtsurkunde des Babys? Gute Frage – in meinem Fall benötigte ich sie sowohl für die Beantragung der Familienversicherung bei der Krankenkasse als auch für die Beantragung des Eltern- und Kindergelds. Nun ja, Waad und Hesham haben aber das Problem, dass ihnen bei der Registrierung die Pässe abgenommen wurden. Ihre Eheurkunde ist auf Arabisch. Die freundlichen Damen beim Standesamt in Oldenburg teilten mir mit, dass die Herrschaften dann eben keine Geburtsurkunde bekommen können. Ok. Ich habe das Gefühl, dass das noch ein Problem wird.

Nach viel Telefoniererei hatte ich die vage Idee, dass die Pässe eventuell beim BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) liegen könnten. Der Beamte war sehr bemüht, hatte aber unterm Strich auch keine Ahnung, wo die Pässe sein könnten. Die arabische Eheurkunde soll laut Standesamt in der syrischen Botschaft im Libanon beglaubigt werden. Und sie muß in Syrien vorlegalisiert sein. Waad meint nur, dass sie die in Syrien wohl zerreißen würden. Ok, was ist Plan b? Nun ja, dann sind die beiden eben nicht verheiratet und er erkennt die Vaterschaft an und erhält das Sorgerecht. Aber ohne Pässe und Geburtsurkunde ist das unmöglich. Baby Jurie soll zudem den Nachnamen des Vaters erhalten. Dies ist aber so nicht möglich. Waad würde unter diesen Bedingungen als alleinerziehend gelten. Dann bekäme Jurie automatisch ihren Nachnamen. Hesham wäre weder der offizielle Vater noch hätte er das Sorgerecht. Im Falle eines Notfalls wäre das auch recht ungünstig. Nun ja, sollten wir irgendwann einmal an die Pässe kommen, dann können die beiden ja erneut in Deutschland heiraten. Geht leider auch nicht. Dafür müsste ihr Status als Ledige aus Syrien bestätigt werden müssen. Vermutlich werden wir irgendwann einmal zusammen Kurzurlaub in Dänemark machen. Aber die machen ja auch gerade dicht … sollte sich ein Jurist unter den Lesenden befinden, dann freue ich mich über ein kurzes Lebenszeichen ;o)

Warum kommen eigentlich viele Syrer nach Deutschland? Ich habe Waad und Hesham nach ihren Gründen gefragt. Waad sagte nur: Alle gingen nach Deutschland, wir gingen mit. Sie hätten z.B. wie Waads Eltern in der Türkei bleiben können. Aber dort haben sie in ihren Augen keine Zukunft, denn dort fand Hesham keine Arbeit und vermutlich gibt es in der Türkei auch keine Sozialhilfe. Im Nachhinein stellt sich zumindest heraus, dass Hesham der Meinung gewesen ist, sie sollten ihrem ungeborenen Kind ein besseres Leben bieten können. Und dieses Leben könnte eben in Deutschland sein. Waad hat als Physiotherapeutin o.ä. in einem Krankenhaus gearbeitet. Hesham ist vermutlich Anlagentechniker für Klimaanlagen. Als ich ihnen erzähle, dass sie während des ganzen Asylverfahrens vermutlich nicht arbeiten dürfen, sind sie etwas geschockt. Man hatte ihnen gesagt, dass sie hier recht schnell „from the government“ Arbeit bekommen würden. Wer hat das gesagt? Alle. Wer sind alle? Andere Syrer. Ok. Ich erwähne, dass Deutschland kompliziert ist, was die Anerkennung von Ausbildungen aus anderen Ländern usw. angeht. Die beiden sind irritiert, sagen aber direkt, dass sie jeden Job machen würden. Wir unterhalten uns über Lebenskosten usw. Sie fragen mich sehr nett, wann sie denn wohl ein Haus „from the government“ bekommen würden. Jetzt gucke ich sie etwas irritiert an. Was?

Ich beginne beim Sozialstaat und lande beim Nettolohnrechner und unserer privaten Einnahmen / Ausgaben Liste. Ich erläutere detailliert die Steuern und Sozialabgaben und so langsam wird den beiden offensichtlich klar, warum Karsten UND ich arbeiten gehen. Den Sozialstaat „fackeln“ wir mal eben grob in 20 Minuten ab. Kranken-, Pflege-, Renten- usw. -Versicherung für (beinahe) alle. On top quickstep durch das Hartz System (oh mein Gott, zu meiner Zeit hieß das nur Arbeitslosengeld und Sozialhilfe). Ich habe als Kind selber Sozialhilfe bekommen und versuche zu erklären, dass das nicht so der Hit gewesen ist. Aber ich vermute, dass das jemandem, der befürchten musste, erschossen zu werden, ziemlich egal ist. Als Sozialhilfeempfänger hat man ja trotzdem beinahe alles (ich zumindest als Kind). Da meine Mutter 2016 in Rente geht nehme ich das Thema auch noch kurz mit und erkläre auf ihre Nachfrage, warum hier so viele alte Menschen arbeiten gehen, das Rentensystem. In Syrien ist das nach Waads Erzählungen anders. Dort leben die Familien im Gegensatz zu unseren lange zusammen. Die Jungen versorgen die Alten, die eher nicht mehr arbeiten gehen. Die Frauen versorgen tendenziell die Kinder, die Männer gehen arbeiten. Hier ist alles anders. Wir leben alle alleine und meine Eltern fahren in ihrer Freizeit mit dem Wohnmobil durch die Gegend, anstelle unsere Kinder zu behüten. Aus wirtschaftlichen Gründen haben wir nur zwei Kinder. Ich gehe viel arbeiten und versorge den Haushalt und die Kinder. Deshalb verbringe ich auch gefühlt jeden 2. Abend in voller Montur im Bett neben meinen Kindern. Unser Essen ist im Vergleich zu ihrem stark Convenience Food – aber ich habe auch keine Zeit, mich mittags und abends eine Stunde in die Küche zu stellen. Waad sagte kürzlich zu mir: „You have no time in your life.“

Ich zeige ihr im Internet andere dauerhafte Flüchtlingsunterkünfte. Nicht jeder hat eine eigene Wohnung. Viele leben in langfristig eingerichteten Großunterkünften. Andere wohnen mit drei Familien in einem Haus auf dem Land (z.B. in Höltinghausen). Da wohnt meine Oma aktuell mit einigen syrischen Familien und wenigen deutschen Rentnern, die im Gegenteil zu ihren Enkel dort nicht mehr weggekommen sind. Waad und Hesham unterhalten sich etwas angestrengt. Ich glaube es sind gerade mehrere Träume zerplatzt. „Wir dachten wir bekämen hier schnell Arbeit und ein Haus“. „Nein, so schnell leider nicht“. Pause. „Ok, ist nicht so schlimm. Wir sind hier und es geht uns gut“. „Ja, und ich mache aus dir eine Kinderbuchillustratorin und Hesham verpassen wir eine neue Ausbildung oder einen Job!“ Sie lächeln … „Ihr müsst kreativ sein und auch bleiben. Jede noch so kleine Tür öffnet eine andere.“

Irgendwann werden die beiden im Laufe ihres Asylverfahrens an eine Kommune verteilt werden, in der sie dann auch verbleiben müssen. Die Landesaufnahmebehörde Bramsche (LAB) hatte Waad und Hesham im Rahmen der Amtshilfe in der Notunterkunft MIOS Supermarkt im Stubbenweg Oldenburg untergebracht. Die neue Verteilung wird vermutlich innerhalb von Niedersachsen erfolgen. Der Ort und die Art der Unterkunft sind jedoch nicht vorhersehbar. Wie schon erwähnt – alles ist möglich. Daher wollen wir einen Antrag auf Verteilung nach Sandkrug stellen. Wir bieten also ersten Wohnraum in Form einer WG. Sollte dies klappen, würden auch die ersten Zahlungen fließen – ca. 250 € im Monat pro Person an Waad & Hesham. Das Baby bekäme monatlich ca. 200 €. Eltern- und Kindergeld gibt es vorerst nicht. Das Geld muß dann reichen für Essen, Kleidung, Leben (Busfahren, Telefon, Windeln usw.).

„Iraker gibt Sozialhilfe zurück“

Hin und wieder erzählen die zwei von ihren Erfahrungen aus Syrien. Sich kennengelernt und geheiratet haben sie übrigens erst Ende 2014 in der Türkei. Sie stammen beide aus Homs. Beide haben Homs ca. Ende 2012 verlassen. Sie sind dann von Stadt zu Stadt geflüchtet und schlussendlich in der Türkei angelangt. Homs war 2012 eigentlich schon wie Dresden in 1945.

„Homs 2012“

Hesham hat bei der Flucht beinahe ein Ohr verloren. Waad erzählt mir von der Nacht, in der die Menschen auf der gegenüberliegenden Seite ihrer Straße getötet wurden. „Sie kamen nicht durch die Vordertüren, sondern durch die Seitenwände. Daher konnte man nichts sehen, sondern nur hören.“ In dieser Nacht ist auch sie mit ihrer Familie in die Türkei geflohen.

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Mama von zwei süßen Mädels

Ein Kommentar

  1. Sehr guter Beitrag, Sandra!

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